CandyPolis                                                       2000-01-17

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Das Meer

Referat im Rahmen des Seminars
‚Die Konstruktion des gesellschaftlichen Naturverhältnisses – das Element Wasser‘
im WS 1999/2000, Dr. Herbert Glasauer

basierend auf:
Alain Corbin: Meereslust: Das Abendland und die Entdeckung der Küste, Berlin: Wagenbach, 1990

Die Emotionen, die allgemein dem Meer entgegengebracht werden, sind bis ca. 1750 eher negativ und entstammen einem komplexen Geflecht an Vorstellungen. Diese sind vor allem durch Einflüsse der christlichen und jüdischen Tradition, aber auch durch Bilder der Antike geprägt.

Durch die Bibel werden die Vorstellung der Sintflut und der Genesis direkt mit dem Meer verbunden und gaben dem unergründlichen Wasser eine Aura von Gefahr, Katastrophe, Verdammnis und Chaos. In der Genesis stellt das Wasser den chaotischen, unmenschlichen Urzustand der Welt dar, der von Gott gebändigt wird. Das Meer ist der Vorzustand der Zivilisation und symbolisiert die Unvernunft, die Raserei. Die Küste wird als zerstörte Trümmerlandschaft wahrgenommen, die in ihrer Schroffheit an frühere Katastrophen erinnert. In der Vorstellung damaliger Zeit gibt es vor der Sintflut keinen Sturm, erst nach der gottbefohlenen Strafe sind Stürme als Zeichen der Macht Gottes und der Ohnmacht des Menschen geblieben. Das Wasser zerstört die perfekte Welt vor der Sintflut und bietet danach an den Küsten ein schreckliches Schauspiel, an denen der Christ über die Strafe nachdenken und die Zeichen des göttlichen Zorns auf sich wirken lassen kann. Aus den Meeren werden Ungeheuer angespült und man stellt sich die Welt unter Wasser als ein Reich der Finster- und Verdammnis vor.

In der Renaissance interpretieren die Humanisten die alten Texte neu und beziehen sich dabei auf die Literatur der Antike. Doch auch hier herrscht in Bezug auf das Meer die negative Sichtweise vor; Dem Wasser kommt eine nicht minder symbolische Rolle als Bild von Angst und Schrecken zu. Angelehnt an die Stereotypen von Vergil, Homer und Ovid bleibt das Meer Schauplatz von Krisen und heftigen Stürmen, die den Mensch ohnmächtig in den Händen der Götter treiben lassen. Der Ozean trennt die Menschen und wird zur Bühne für den Schmerz der Helden. Odysseus liebt das Meer nicht, er sucht Ithaka und wird durch das feindliche Wasser von seinem Ziel getrennt. Auch die Meeresströmungen sind den Menschen ein dunkles Rätsel und man stellt sich unter dem Festland riesige Reservoirs vor, die die Gezeiten verursachen. Dies auf Plato zurückgehende Modell ist weitverbreitet und erzeugt Schrecken und Furcht vor den unterirdischen Höhlen, der mundus subterraneus.

Auch nach den Entdeckungen des 18. Jahrhunderts wiegen die antiken Vorstellungen die modernen Reiseberichte auf, die großen Seekriege des 17. und 18. Jahrhunderts bestärken die Sicht des Meeres als ein Schlachtfeld. Von Schiffen gehen Gefahren aus, wenn nicht durch feindliche Besatzung, dann durch die an Bord herrschende Fäulnis, die Krankheiten wie den Skorbut hervorbringt. Auch die Küsten sind ungesunde Orte, da die Luft durch den faulen Geruch des Meeres verunreinigt wird.

Ab dem 17. Jahrhundert beginnt der langsame Umbruch der alten Vorstellungswelt. In England werden Fortschritte in der Meereskunde erzielt, die zu einer weniger mythisch belasteten Vorstellung des Wassers führen. In Frankreich beginnen barocke Dichter, die lustvollen Seiten der antiken Erzählungen zu entdecken und sehen das Schauspiel des Meeres als ein Spiegelbild der Welt, die ein Spiel von Illusionen und Überraschungen ist. Das Meeresufer wird nun als Anlaß zum Nachdenken und der Meditation gesehen, es flößt keinen Schrecken mehr ein, sondern ist ein Ort des Rückzugs der moralischen Elite.

Von 1690 bis 1730 gewinnt die natürliche Theologie an Bedeutung, die mit der aristotelischen Verfolgung von Analogien bricht und das Schauspiel der Natur als Zeichen der Schönheit der göttlichen Schöpfung darstellt. Die natürliche Theologie setzt auf die Erbauung und betont die religiöse Bedeutung der natürlichen Ordnung. Das Bild der Natur wird nachhaltig verändert und ihr Studium eine religiöse Handlung. Das Erleben der Natur beim Reisen kann nun Genuß sein, da ihre Schönheit die Herzen rührt und an den gütigen Herrscher erinnert. Diese in ganz Europa vorherrschende Sichtweise verändert die Sicht der Meere und der Küsten und läßt sie in einem neuen Licht erscheinen. Dennoch bleiben die Lobpreisungen der Reichtümer des Meeres eher auf die materiellen Erträge der Fischerei bezogen und die lieblichen Wälder werden nach wie vor dem Meer vorgezogen. Der rein visuellen Schönheit des Meeres wird wenig Bedeutung beigemessen.

Ein weiterer Einfluss auf die Sichtweise der Küsten ist die zunehmende Bewunderung für die Holländer, die in ganz Europa für ihren Wohlstand und Überfluß bekannt werden. Die Niederlande werden vom Wasser geprägt und mit ihm identifiziert. Man bewundert den Mut der Menschen, die das Meer bezwungen haben und dafür reich belohnt werden. Die niederländische Marinemalerei betont zudem die dramatische Beziehung von Mensch und Meer; ihre Gemälde bilden eine Identifikation für die junge Republik der Niederlande und erzeugen Bewunderung. Für den Reisenden bietet sich in Holland ein Schauspiel der Elemente, wie er es nicht kennt: Himmel und Wasser gehen mit dem Land eine Verbindung ein, die den Touristen sehr beeindruckt. Dieses Schauspiel ist es, was die Mode der Küstenbesuche gegen Ende des 18. Jahrhunderts motiviert und in einer besonderen Form Berühmtheit erlangt. Den Haag, berühmt für seine idyllische Schönheit, wird zum Anziehungspunkt der wohlhabenden Touristen. Von dort besucht man den Strand von Scheveningen, ein beliebtes Ausflugsziel an der Nordseeküste. Das Meer wird zur Attraktion und als anmutiges Schauspiel wahrgenommen; die Touristen genießen das idyllische Leben des kleinen Fischerdorfes. Da diese Szenen viel gemalt und gezeichnet werden, kennt man in gebildeten Kreisen den Ort und besucht ihn, um die bereits bekannten Szenen zu genießen. Das Hauptthema der Malerei bleibt jedoch die Genreszene und das Leben der Fischer in ihrer Umgebung, die Empfindungen der Natur gegenüber bleiben im Hintergrund. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts verändern sich die Inhalte der Strandszenen, sie betonen die Küste selbst und lassen dem Schauspiel der Natur immer mehr Raum. Immer mehr Menschen widmen sich der Kontemplation des Meeres und der Raum für visuelle Empfindungen wird immer größer.

Neben Holland gewinnt Italien als Reiseziel des klassizistischen Reisenden an Bedeutung. Die Küsten Kampaniens sind seit der Zeit der Römer ein Sinnbild der Schönheit und der Lieblingssitz von Dichtern und Kaisern. Das Meer ist friedfertig, von Villen gesäumt und vermittelt das aus der antiken Lektüre bekannte goldene Zeitalter. Die Reisenden befinden sich auf den Spuren der lateinischen Schriftsteller und besuchen wenige, allerdings allen Reisenden gemeinsame Ziele. Das Ziel der Reise ist Neapel, wo die Reisenden mit dem zahmen und lieblichen italienischen Meer in Berührung kommen. Die Bewunderung für die antike Dichtung ist in den Eliten Europas weitverbreitet, so daß auch die alten Naturbilder nachempfunden werden und auch am Reiseziel selber als Stereotyp bewundert werden. In England entwickelt sich die Landschaftsmalerei und deren Popularität in Adelskreisen, so daß dem Schauspiel der Natur immer mehr Bedeutung beigemessen wird. Während der Grand Tour erlebt der junge Gentleman die antike Kultur und deren Schauplätze. Die überlieferten Empfindungen werden nachempfunden und von den Reisenden gierig aufgenommen, darin enthalten ist auch das Lob auf die kampanischen Küsten. Allerdings bleibt es bei einem bloßen Nachempfinden der alten Dichtung, die unmittelbare Empfindung hat fast keine Bedeutung. Die Gemälde Claude Lorrains geben der klassischen Tradition ein Gesicht und ermöglichen eine neue Sicht der Landschaft, die in göttlicher Harmonie erscheint. Lorrains Bilder machen in adeligen Kreisen Furore und erleichtern in ihrer Verbindung von klassischen und christlichen Elementen den angenehmen Genuß.

Trotz alledem bleibt der Mensch das Zentrum der Küstenszenen und die Furcht und Abscheu vor dem Meer und der Küste überwiegen. Das Empfinden des Individuums wird überlagert von Stereotypen aus kultureller Tradition; kinästhetische Erfahrungen sind nicht das Ziel des Aufenthaltes am Meer. Erst in späteren Zeiten wird das kollektive Verlangen nach der Küste die Menschen bewegen und in ihnen andere Emotionen als Furcht und vorgefertigte Bewunderung weniger Stereotype auslösen.

                                                                      ©and¥