CandyPolis                                                       1999-03-30

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Ein offener Brief an Lehrer und Studenten der Architektur (1987)
Aus: Libeskind, Daniel: Radix - Matrix: Architekturen und Schriften, Prestel-Verlag,
München-New York, und Museum für Gestaltung Zürich, 1994

Warum sollte man seine Zeit damit vertun, Blattgold auf die Spitze eines Turms aufzutragen (eindrucksvoll!), dessen Fundamente brüchig sind?
Noch bevor diese heikle Arbeit vollendet werden kann, wird der gesamte Bau zusammenbrechen und sowohl die Arbeit als auch den Arbeiter vernichten. Unsichtbare Katastrophen gehen den sichtbaren voran...

Die eine offensichtliche Tatsache kann durch noch so viele Untersuchungen, 'Relevanzdiskussionen' oder Informationskompendien nicht verschleiert werden: Architektur, wie sie heute gelehrt und praktiziert wird, ist nur eine grammatikalische Fiktion. Ein Blick auf die Kluft zwischen dem, was (und wie!) gelehrt und dem, was (und warum!) gebaut wird, genügt, um zu verstehen, daß an irgendeiner Stelle gelogen wird. Es bedurfte einer sophistischen Methode, um diesen Zustand zu verdecken: So viele treiben so viel Aufwand, um so wenig zu tun - mit derart schädlichen Ergebnissen.

Ich höre schon das Protestgeschrei. Haben wir denn nicht moderne Lehrmethoden und moderne Theorien eingeführt? Haben wir nicht vieles ans Licht geholt, was in Vergessenheit geraten war? Bringen wir etwa keine große neue Generation von Dozenten und Studenten hervor? Kurzum: eine Erfolgsgeschichte.

Genau. Es ist dieser 'Erfolg', der ein Reich, worin einst 'selbst Engel kaum den Fuß zu setzen wagten', zu einem Supermarkt der Waren oder - schlimmer moch - zu einem Bordell der Meinungen über diese Waren gemacht hat. Früh schon werden die Studenten korrumpiert. Man macht sie glauben, daß nur das Erfolgreiche paradigmatisch ist. Ihre Ausbildung vollzieht sich in simulierten Rahmenbedingungen, in denen der künftige Erfolg sichergestellt werden kann. Damit wird die Voraussetzung dafür geschaffen, daß die Schule jeden einzelnen Studenten systematisch seines (oder ihres) Problems berauben kann. Und wenn sie dann erst einmal 'Fachleute' geworden sind, hat dieser Prozeß es tatsächlich fertiggebracht, sie einer solchen Gehirnwäsche zu unterziehen, daß sie sich gar nicht mehr daran erinnern, daß es überhaupt ein Problem gibt: das Problem der Architektur in einer korrupten Gesellschaft und die Suche nach Möglichkeiten, sich dieser Korruption zu widersetzen.

Doch das Problem der Architektur läßt sich nicht einfach aus der Welt schaffen, indem man die Geschichte manipuliert, andere Bereiche durchstöbert oder sich Handlungstechniken ausdenkt. Denn die Architektur kann keine Probleme lösen - sie selbst ist an sich schon problematisch und fragwürdig.

Der Architekt hat die Liebe zur göttlichen Episteme zugunsten der Meinung aufgegeben und ist damit zu einem Meinungslieferanten geworden; er hat die Beteiligung an der Sophia verloren - jener wunderbaren Dimension der Architektur, die Alberti als engelhaft bezeichnete. Heute gehört die Architektur allen (den Managern, Renovierern, Innenausstattern, Flächennutzungsplanern - ein 'guter Beruf') und niemandem. Die Schule wird zu einem pluralistischen Deckmantel, unter dem an die Stelle des Nachdenkens über die nicht vorhandene Basis der Architektur die jeweils persönliche Meinung darüber getreten ist, wie diese Basis beschaffen sei, und damit wird die potentielle Explosivität dieses Denkprozesses entschärft. 'Problemlösung' ist nichts weiter als ein anderer Begriff dafür, die nirgendwo zu findende Grundlage der Architektur zu Verkaufszwecken in ein 'Grundstück' zu verwandeln. ('Beginne immer mit dem Lageplan').

Weder Lehrer noch Studenten werden heutzutage dazu ermutigt, sich auf ein Abenteuer einzulassen: das gefährliche, riskante - vielleicht hoffnungsvolle? - Abenteuer, das sich selbst als Suche nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum der Bedingungen von Architektur versteht: eine Suche nach dem Wunder oder doch zumindest nach dem Abgrund, der den Zustand der Architektur illuminiert.

Und wenn sich dennoch einer oder eine mit einem Problem herumschlägt, für das der Lehrplan keine Antwort bereithält, dann sollten sie es gar nicht erst zur Sprache bringen, denn das, worauf das technisierte Denken keine antwort geben kann, ist irrelevant - ein 'Pseudoproblem'. (Ein paar Geschichtskurse, ein bißchen Geisteswissenschaften - und Hokuspokus - schon ist die Architektur wieder bedeutungsvoll!)

Ich glaube, daß die Atmosphäre des Unbehagens, die heute in der Architektur verspürt wird, nicht aus der Welt geschafft werden kann, auch wenn sich das Klima, worin sie gelehrt und praktiziert wird, durch hochentwickelte Kontrollsysteme regulieren läßt.
Der empirische Kern der Architektur hat sich inzwischen so weit aus dem Gesichtskreis entfernt, daß er selbst dann nicht mehr erkannt wird, wenn er erscheint. Mit Hilfe der Fiktionen 'gesunder Menschenverstand' und 'wirkliche Welt' hat der Ausbildung und Praxis genannte Prozeß der De-Kulturation die Architektur so tief und so gründlich ins Dunkel gestürzt, daß man in diesem Zusammenhang von Gleichgültigkeit nicht einmal mehr zu sprechen wagt. Ganz einfach durch Stillschweigen hat das Lehrestablishment das Fragen aus der Welt geschafft; die 'Praxis' hat einen blinden Fleck für dasjenige entstehen lassen, das ihren Erfolg bedrohen würde.

Doch das aus-dem Mittelpunkt-geraten - das Empfinden, sich auf nicht existente Grundlagen zuzubewegen - wird tatsächlich als Realität wahrgenommen. In der Tat ist es genau diese Grundlosigkeit, die den an der Architektur Beteiligten in Leere treibt.

Diese Leere ist zur treibenden Kraft geworden: der Suchende zum Getriebenen. Die Reflexion über diesen Prozeß - das ist die wahre Bildung des Architekten.

Ausbildung als die Kunst der Hinwendung zur Realität - die wahrhaft revolutionäre Kunst - ist zu einer Technik geworden, die Studenten so vollständig auf die Zeit einzustellen, daß sie kein Verlangen mehr verspüren, irgendetwas anderes wissen zu wollen.
Die Schule ist zu einem Instrument geworden, das die Architekturstudenten davon abhält, das Wissen zu erwerben, das es ihnen ermöglichen würde, die fundamentale Frage der Architektur zu artikulieren: Sein oder nicht sein. Die Studenten werden in einen Zustand stiller Verzweiflung oder aggressiver Entfremdung gedrängt und entsagen dem Geheimnis der Architektur. Eine derartige Haltung und 'Verunft' ist jedoch unvernünftig. Es gibt andere Möglichkeiten, über Architektur nachzudenken und sie zu praktizieren: nichtinstrumentelle Vernunft, nichtmanipulierte Architektur.

Die Architektur - dieser göttliche Glaubensluxus, diese höchste Kristallisation der materiellen Freiheit der Menschheit, ihrer Phantasie und ihres Geistes - darf sich niemals zu dem von den Technokraten anvisierten Produkt des bloßen Nutzens degradieren lassen.
Deshalb habe ich Architecture Intermundium ins Leben gerufen.

                                                                      ©and¥