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Louis I. Kahns Entwurfsphilosophie
Louis Kahn und Minimalismus (Referat am 25.06.1998)
Seminar: 'Neue Einfachheit - Neue Einfalt?' (GhK)
Prof. Dr. Hans Frei, SS 1998 Textgrundlage: Bonnefoi, Christian: Kahn and Minimalism, Oppositions 8/1981
Louis I. Kahn (1901-197 ) entwickelt seine Entwurfsphilosophie über einen verhältnismäßig langen Zeitraum hinweg. Charakteristisch ist seine besondere Auffassung von Raum, die auf einem tieferen Gedanken der Ordnung basiert. In Kahns Sicht konstituiert sich Natur aus einer Struktur von unteilbaren elementaren Einheiten, die die Grundlage für die Eigenschaften aller Dinge bilden.
Diese Gedanken über die Natur des Raumes führen Kahn zu einer neuen Sichtweise: Er entwirft und arbeitet zwischen Raum und Struktur. Durch die Mißachtung der klassischen Trennung von Raum und Struktur gewinnen räumliche Eigenschaften an Bedeutung; es entsteht eine neue formale und plastische Problematik in der Architektur. Eine Konfrontation von Räumlichkeit und strukturellen Erfordernissen tritt nicht nur in der Architektur auf - in der Minimal Art der 60er und 70er Jahre wird diese Problematik ebenso behandelt.
Die Richard Research Buildings (1954-67) verdeutlichen anschaulich Kahns Entwurfsphilosophie:
Kahn löst die Probleme der Konstruktion gleichzeitig formal und strukturell: Kragbalken bzw. Freiträger fungieren als vermittelndes Element zwischen Raum und Konstruktion. Sie dienen einer formalen und strukturellen Homogenisierung, deren räumliche Ausdruckskraft eher einer allgemeinen formalen Einstellung der Zeit zugehörig erscheint als der historischen architektonischen Volumenauffassung. Die Systematische Wiederholung von zwei Elementen (hohle Säule und Träger) bildet ein übergeordnetes System innerhalb der Gebäude. Mit einer solchen strukturellen Ordnung werden gleichzeitig formale und konzeptuelle Effekte erzielt, die den Effekten von Minimal Art-Skulpturen der 60er Jahre gleichen.
Wie die Künstler der Minimal Art weist Kahn die expressiven und dynamischen Qualitäten der Volumen zurück. In seiner Entwurfsphilosophie soll das Volumen nicht mit dem umgebenden Raum kämpfen, sondern ihn auf einmal, mit einer einzigen Geste füllen. Das Modell im Raum wird dessen Parallele bzw. dessen Modell, ähnlich den specific objects von Judd.
In Kahns Architektur nimmt daher die Wand eine besondere Rolle ein: Sie bildet das formale Gegenteil des Raumes. Das Innere des Raumes wird Ziel des Zurückwendens in sich selbst; die Gegenteiligkeit von Innen und Außen wird aufgehoben. Der Innenraum gewinnt seine Bedeutung als Hohlraum. Auch hier gibt es Ähnlichkeiten mit der Bedeutung des Hohlraumes als Konzept der Minimal Art. Ein Beispiel aus Kahns Architektur: Das Trenton Bath House, New
Jersey (1955-1956).
Minimal Art erlaubt das Lesen der Architektur Louis Kahns über formale und strukturelle Merkmale: Die Gleichwertigkeit von struktureller und formaler Lösung kennzeichnet eine neue Moderne.
Kahns Gebäude zeichnen sich durch einen besonderen Objekt-Charakter aus und weisen Ähnlichkeiten mit vielen der 'untitled'-Skulpturen von Robert Morris auf. Die Frage nach Grenzen der Objekte veranlaßt Morris dazu, das Prinzip der Rahmung zu hinterfragen und auf den Fußboden zu übertragen: Er erfindet die 'form of weight', indem er die maximal mögliche Masse auf einem Galeriefußboden anhäuft. Die Tragfähigkeit des Bodens bildet die Begrenzung bzw. Form der Skulptur. Auf seiner Suche nach Form stößt Kahn auf eine ähnliche Lösung. Für das 1973 erbaute Franklin Delano Rosevelt Memorial in New York verwendet er Granitblöcke, deren Größe von der maximalen Traglast der Kräne definiert wird.
Die Unterscheidung von struktureller und formaler Gestaltung wird in Louis Kahns Entwurfsphilosophie durch die unterscheidung von 'servant' und 'served space' (dienender und bedienter Raum) aufgenommen. Es besteht ein grundlegender unterschied zwischen dem Objekt und dessen Effekt: Einerseits entsteht der unterschied aus der Gegenüberstellung von zwei Elementen (wie den servant und served spaces der Richard Research Buildings in ihrer räumlichen und formalen Differenz), andererseits kann eine Integration der Differenz stattfinden, in der zwei Elemente eng vereint werden. Struktur und Raum sind gegenseitig abhängig.
Louis Kahn erfindet nicht neu, sondern zeigt vielmehr neue Beziehungen auf: Raum entsteht durch eine Reihe von Veränderungen, nicht durch radikale Neuerungen. Kahns Architektur ist daher keine Avant-Garde-Architektur, sondern eher homogen und funktional. Kahn weist wie die Minimalisten jede Priorität oder Einheit zurück. Übergänge zwischen Gegensätzen werden bei Kahn durch die Säule als Vermittler zwischen architektonischen Stereotypen abgeschwächt. Die Säule fasziniert Kahn, da sie entweder als Hohlkörper oder als Struktur eingesetzt werden kann. Er spricht von 'the great moment when the walls parted and the coloumns became'.
Analog zu den Künstlern der Minimal Art, die sich den 'specific objects' widmen, beschäftigt sich Kahn mit der Praxis, den Körpern. 1967 beginnt er einen Vortrag mit den Worten: 'Ich möchte damit beginnen, zu sagen, daß Architektur nicht existiert. Was existiert, das ist ein Werk der Architektur.': Der Ausdruck der Architektur ist das einzige Instrument, das der Architektur zur Verfügung steht.
Entscheidenden Einfluß auf die Form eines Gebäudes üben in Kahns Entwurfsphilosophie die Materialisierungs-Prozesse aus; das Objekt wird die Verkörperung des Prozesses, der es erbaute. 'Ich denke, ein Gebäude sollte zeigen, wie es hergestellt wurde, welcher Kampf ausgefochten wurde, um es zu erbauen.'
Den Objektgedanken, ähnlich dem der Minimal Art, wird auch in Kahns Raumverständnis innerhalb des Gebäudes deutlich:
'Räume können ihren Charakter nicht verändern...Ein Raum wird immer als ein Teil der Natur und der Umgebung wahrgenommen werden, dessen Symbol und Funktion er ist.'
'A room with divisions is a stable or shop'.
Mit dem Einbringen von Objekten, die explizit ihre Entwicklung zeigen, muß Architektur nicht mehr ihre Absichten verkünden oder sich selbst suchen: Sie erklärt sich selbst.
Die Offenheit von Kahns Architektur wird auch in Form und Struktur deutlich. Objekte werden in ihre einzelnen Elemente aufgeteilt, damit die Komplexität ihrer Struktur ans Licht kommt und sie auf ihren einfachen Ausdruck reduziert werden. Architektur wird nicht mehr erfunden, sondern zurückverfolgt auf die ursprüngliche Idee der unzerteilbaren Elemente der natürlichen Ordnung. Kahns Architektur benutzt keine Syntax der spezialisierten und herausgeschnittenen Räume; Form wird in einer einzigen Bewegung gegeben und resultiert aus einer Dimension, die im Ding verborgen liegt.
'Die Geschichte des Felsens ist der Felsen. Jedes Korn Sand ist an seinem exakten Platz, von exakter Größe und Farbe. Ich sehe die Form als Verwirklichung einer Natur, die aus unteilbaren Elementen aufgebaut ist.'
Architektur befreit sich so von Unwichtigem und besteht auf die Befreiung von struktureller Elementarität - sie strebt in Richtung des Minimalismus.
In Kahns Entwurfsphilosophie manifestiert sich das Werk selbst. Spezifische Lösungen, die bereits vom Funktionalismus gefunden wurden, werden außerhalb ihres ursprünglichen Kontext wiederverwendet - 'displacement'. Das Prinzip der Nicht-Teilbarkeit von Innenräumen stellt eine formale Kontinuität her; das Gebäude findet seinen architektonischen Ausdruck in der Artikulation von Räumen, die dienen und bedient werden. Diese Dualität der Differenzierung zwischen servant und served space ist am Trenton Bath House (hier Grundrisse) gut ablesbar.
Charakteristisch für die Architektur Louis Kahns ist auch die Rückkehr zur massiven Architektur, Flexibilität ist für ihn 'Unsinn'. Raum existiert nur durch seine Grenzen. In formaler Hinsicht wird das Gebäude als die Funktion seiner Grenzen wahrgenommen: Die Form antwortet auf die innere Struktur. Die Struktur wiederum muß so entworfen werden, daß die Konstruktionsmethode und die Stadien des Konstruktionsprozesses klar am fertigen Objekt abgelesen werden können.
Form findet in Kahns Entwurfsphilosophie durch den bestimmten (spezifischen) Gebrauch von Material ihre Definition: 'Die Formen sollten in deiner Weise denen ähnlich sein, die mit anderen Materialien realisiert werden. Die Art und Weise, in der ihr sie verwendet habt, die Art, wie es wahrgenommen wird, müssen ein Erkennen gewährleisten, daß es dieses und kein anderes Material war, das ihr verwendet habt.' Eine ähnlich spezifische Materialität findet sich in der Minimal Art: Die Wahrheit der Objekte steht im Zentrum der Gestaltung. Frank Stella über seine Kunst: 'You see what you see!'.
In Louis Kahns Entwurfsphilosophie bleibt die Wand im Zentrum der architektonischen Problematik. Sie wird nur dann eingeschnitten, wenn es um Gedanken von voll, leer, hoch oder tief geht. Die Wand selbst jedoch wird durch solche Überlegungen nie beeinträchtigt. Die Intensivierung der Wände wendet sich auch gegen die Montage-Architektur: Die Wand ist eine architektonische Tatsache, ein räumlich unabhängiges Objekt, das viele Gemeinsamkeiten zu Minimal Art - Skulpturen aufweist. Eigentliche Thematik ist nicht das Erfinden von Objekten oder der Beziehung von Objekten, sondern die Beziehungen von Grenzen oder die Einbeziehung von Grenzen. Das Objekt manifestiert sich selbst und gibt dem Raum eine neue Qualität.
Viele der grundlegenden Themen sind in Louis Kahns Entwurfsphilosophie und Konzepten der Minimal Art gleichermaßen zu finden. Die Definition des Objekts und die Problematik des Formens und Zerteilen des Raumes sind zentrale Fragen, auf die sowohl Kunst als auch Architektur antworten. In einer Dialektik von Raum und Objekt scheint jedoch die Architektur der ideale Bereich zu sein, in dem der Dualismus von container und contained gezeigt werden kann.
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