CandyPolis                                                       1999-03-30

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Die Landeszentralbank Sachsen-Thüringen in Leipzig
von Hans Kollhoff
Referat am 25.11.98, Christiane M. Herr

Seit der Moderne hat die physische Sensibilität in der Architektur an Bedeutung verloren. Der Abstraktionsdrang hingegen bestimmt in zunehmendem Maß die architektonische Form, so Hans Kollhoff. Der Mensch verlangt jedoch nach einer Umgebung, die er begreifen kann und in die er sich mit seinem Körperempfinden einfühlen kann. Nicht nur das Sinnvolle und konstruktiv Erforderliche machen ein Gebäude aus; in der Architektur gibt es nicht nur ein Recht der Konstruktion, sondern ebenso ein Recht des wahrnehmenden Auges. Architektur gehört in das Reich der Gegenstände, sie ist Teil der alltäglichen Erfahrung, ein Teil des Gewohnten und Gewöhnlichen. Hans Kollhoff beklagt das Fehlen einer glaubhaften Basis in der Architektur, die das Gefühl für das Architektonische in den Vordergrund stellt. Die Bekleidung der Konstruktion ist eine Tatsache, da Gebäude vor Wärme, Kälte und Sonne schützen sollen und die Konstruktion hinter vielen zusätzlich benötigten Schichten verschwindet. Das wahrnehmende Auge verlangt jedoch nach einer sinnhaft wahrnehmbaren Vermittlung des statisch-konstruktiven Sachverhalts durch die Form. Architektur muß dementsprechend die Vermittlung zwischen Betrachter und Gebäude übernehmen.

Der Begriff Tektonik vereint die Paare Erscheinung und Konstruktion, Kunst und Technik. Tektonik kann dementsprechend auch als die Lehre vom inneren Aufbau eines Kunstwerks bezeichnet werden. Verlagert sich das Interesse von der Oberfläche zum Körper, wird Architektur eine Sache der eigenen Körpererfahrung, von Lasten, Gewicht, Balance. Die Vereinigung von Kunst und Konstruktion zu einem zwingenden Ganzen kann im Zusammenfügen der Teile erfolgen, indem die Art der Fügung die Funktion der Einzelteile sichtbar macht. Kollhoffs Auffassung des Begriffs Tektonik orientiert sich stark an der von Adolf Loos abgewandelten Bekleidungstheorie Gottfried Sempers. Die Bekleidung ist nicht mehr scharf getrennt von zu bekleidenden Körpern, sondern erhält als Haut eine neue Bedeutung. Die Haut ist nun Teil des Körpers und damit gestalterischer Willkür entzogen. Sie steht in einem delikaten Verhältnis zur Konstruktion und wird weder zur Schau gestellt noch zugedeckt, sondern scheint durch. Das architektonische Ziel ist somit nicht die Visualisierung der Konstruktion an sich, sondern das an sie Erinnernde. Die Haut wird als Schlüssel zu einem neuen Verhältnis von Kunst und Konstruktion sogar unabhängig von der realen Konstruktion.

'Kunst muß nicht wahr sein, sondern einen Schein des Wahren erzeugen'- dieses Goethe-Zitat wird von Fritz Neumeyer in einen architektur- theoretischen Kontext eingebettet: 'Baukunst muß nicht konstruktiv ehrlich sein, sondern einen Schein des ehrlich Konstruierten erzeugen'. Die dafür notwendigen Mittel liefert die Kunst der Tektonik, deren Thema die Problematik von Wahrhaftigkeit und Wahrscheinlichkeit, von Konstruktion und Bild, von Sein und Repräsentation ist. Die theoretischen Beiträge Neu-meyers ergänzen die architektonischen Ziele Kollhoffs und bieten eine Möglichkeit der Analyse der Bauten Kollhoffs. Es gibt in der Tektonik ein Fortleben der Wahrheit in der Fälschung: Die Konstruktion kann jene Wahrheit, die nicht von selbst erscheinen kann, als Stellvertreter sichtbar machen. Zur Erklärung von Wahrheit bedarf es rhetorischer Anstrengung, einer Schicht der erklärenden Verkleidung: Die nackte Konstruktion muß be-, also auch verkleidet werden, um sie zu nutzen und dem Betrachter zu gefallen.

Die von Hans Kollhoff entworfene Landeszentralbank Sachsen/Thüringen in Leipzig, von Mai 1994 bis Februar 1996 errichtet, bietet eine Möglichkeit, die theoretischen Ansprüche und Ziele Kollhoffs an einem konkreten Bauwerk zu messen. Das Gebäude wurde auf der Grundlage eines bereits bestehenden Baukörpers errichtet, so daß das ursprüngliche Stützenraster im neuen Bau übernommen und mit einer neuen Fassade ergänzt wurde. Die Fassade besteht aus massiven Granitplatten, die in relativ dünnen Schichten auf Konsolen montiert wurden und an der Fassade eine Gliederung der äußeren Hülle erlauben. Die Haut des Bauwerks erweckt somit einen sehr massiven und schweren Eindruck, der dem Gebäude eine zurückhaltende Ruhe verleiht. Mit der feinen Linienführung des Reliefs der äußeren Hülle beabsichtigt Kollhoff, dem schweren Baukörper eine gewisse Leichtigkeit und Strukturierung zu geben. Er betont, daß die tektonische Gliederung die tatsächliche Konstruktion nur durchscheinen lasse und sie mit einer zurückhaltenden Noblesse nicht direkt zu zeigen versuche. Auf die gleiche Art wie an der Fassade gliedert Kollhoff auch das Innere des Gebäudes: auf großen Flächen werden verschiedene Materialien- meist Mahagoni oder Marmor in Plattenform reliefartig geschichtet, um den Eindruck der Ruhe und Stärke, der aus der Massivität der Materialien hervorrührt, fortzusetzen. Kollhoff arbeitet demzufolge mit der Täuschung des Betrachters, der das Gebäude aufgrund eines vordergründigen Eindrucks vollkommen massiv und schwer einschätzt.

Ebenso wie Kollhoff die fehlende architektonische physische Sensibilität der modernen Architektur beklagt, muß seine Architektur den gleichen Maßstäben genügen. Ein Einsatz der tektonischen Gestaltungsmittel auf diese Weise – eine Tektonik der Verkleidung und Maskierung – wirft immer Fragen auf. Die implizite Hierarchie der tektonischen Elemente Hülle und Konstruktion wird schnell zum bestimmenden Thema, wenn die Details näher betrachtet werden. Die nach außen hin so massive Fassade wird durch durchlaufende Fugen als elementiertes, angehängtes Bauelement enttarnt, so daß sofort die Frage nach einem ‚dahinter‘ entsteht. Dieser Eindruck wird insbesondere durch die betonte Schwere des Baukörpers verstärkt. Ähnliche Fragen entstehen im Gebäudeinneren, wo die Illusion durch scheinbar unbedeutende Details als solche ersichtlich wird und den gesuchten Ausdruck beim näheren Hinsehen nicht erhalten kann. Eine perfekte Täuschung der Wahrnehmung macht einen wesentlich umfassenderen Einsatz an Mitteln erforderlich, als es die ‚echte‘ Ausführung benötigen würde. In der Landeszentralbank war das ursprüngliche Stützenraster bereits vorhanden, so daß Kollhoff mit tektonischen Mitteln versucht, sie in seinen Entwurf zu integrieren. Allerdings scheint er in gewisser Hinsicht zu übersehen, daß ein Betrachter den Baukörper als Ganzes wahrnimmt: Einige Gebäudeteile wurden an ihren Oberflächen tektonisch strukturiert, andere hingegen nur wenig oder gar nicht. Es ist der Kontrast von scheinbar massiven Präsentationsflächen und dahinterliegenden einfachen Büroräumen mit leichten Trennwänden, der die Architektur kritisiert. Ein oberflächlicher Eindruck wird schnell hinterfragt und mündet in Zweifeln an der Substanz selbst. Ein solcher Einsatz der tektonischen Gestaltungsmittel erfordert eine besondere Sorgfalt in der Ausgestaltung des gesamten Gebäudes, da eine Wirkung beim Betrachter erreicht werden soll, die eine perfekte Illusion – den unangreifbaren Schein des ehrlich Konstruierten – erzeugen soll. Achtet man in der Landeszentralbank nicht auf die kontinuierliche Detailgestaltung, so nimmt man nur die beabsichtigte Wirkung wahr. Konzentriert man sich hingegen auf die Stimmigkeit von Detail und Ganzem, so wird plötzlich die Dialektik von Kernform und Hülle in ihrer Widersprüchlichkeit statt in ihrer tektonischen Vereinigung deutlich.

                                                                      ©and¥