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5. Ansätze der zweiten Generation

5.1 Thesen und Forderungen
Die Thesen und Forderungen der zweiten Entwerfergeneration wurden bereits im Kapitel 4.3 erläutert.

5.2 Entwerfen als argumentativer Prozeß

Betrachtet man den Entwurfsprozeß als argumentativen Prozeß, kann er durch ein Frage - Antwort - Netz beschrieben werden: Die Art und Weise der Fragen wird geregelt, deren Abfolge hingegen nicht. Argumentative Systeme strukturieren und verwalten Prozesse. Zu jeder Frage wird eine Akte angelegt; die Anzahl der Akten wächst im Lauf des Entwurfsprozesses. Da das jeweilige Frage - Antwort - Netz zusammen mit der Planung entwickelt wird, ist es spezifisch für das jeweilige Entwurfsproblem. Frage - Antwort - Netze werden daher auch als 'one - through - method' bezeichnet, sie gelten nur für einen speziellen Fall.

Bestimmungsgrößen für den Entwurf argumentativer Systeme

  1. Die Betreiber und deren System
    (Entwerfer, Laien, Betroffene)
  2. Die Größe der Projektgruppe
    (Einzelner, kleine Gruppen, viele, tausende)
  3. Die Art der Projektorganisantion
    (viel / wenig Bürokratie)
  4. Machtstrukturen / Entscheidungsstrukturen
    (innerhalb / außerhalb der Gruppe, wird nach Regelsystemen, spontan oder sonstwie entschieden?)
Ein System zur Erfassung eines argumentativen Prozesses wurde 1970 von Kunz und Rittel eingeführt:
IBIS: Issue Based Information System (issue: engl. kritische Frage, Problem)

Veröffentlicht in:
Issues as Elements of Information Systems, Working Paper 131, Center for Planning and Dev. Research, University of California, Berkeley 1970.

Elemente des Systems:

5.3 Übergeordnete Merkmale

Die Strukturierung der Elemente ist vom jeweiligen Vorhaben abhängig. Tritt ein Entwurfsproblem auf, wird so lange gefragt, bis eine 'Sättigung' an Antworten erreicht ist und der Entwurfsprozß weitergeführt werden kann. Wie alle Methoden der zweiten Entwerfergeneration ist das IBIS-Modell keine sehr starke Theorie, es ist kein Rezept für die perfekte Lösung eines Problems, doch kann es bei kluger Anwendung gute Lösungen liefern. IBIS - Modelle sind ein Versuch, faire und rechtssichere Planung zu garantieren. Die Methode der IBIS - Planungssysteme ist langsam, buchhalterisch, prozedural bürokratisch und dokumentarisch, besondere Betonung liegt in der Gründlichkeit und Transparenz der Betrachtungsweise.

5.4 Argumentation und Debatte

Grundlage von Frage - Antwort - Netzen ist vor allem die strukturierte Debatte. Das Debattieren hat eine lange Tradition, die Regeln des Debattierens sind jedoch meist Geschäftsordnungsregeln (z.B. Handzeichen zur Abstimmung etc.). Eine allgemeine Möglichkeit der inhaltlichen Strukturierung wird im Folgenden erklärt. Neben der strukturierten, ergebnisorientierten und kontrovers diskutierten Debatte gibt es einen weiteren Ansatz: die am Erfolg des Debattierenden orientierte Methode, die nicht auf Wahrheit der Argumente ausgerichtet ist. Im Folgenden werden beide Ansätze gegenübergestellt.

Mindestbedingungen für eine Debatte:

Strukturierung der Debatte:

Fragen können:

  1. angezweifelt
    • einlenken / zugestehen (E)
    • anzweifeln (Z)
    • behaupten (B)
    • widerlegen (W)
    • verteidigen (V)
      • E
      • Z
      • B
      • W
      • V
  2. behauptet
  3. widerlegt werden
Jede Frage oder Aussage kann in jeder Instanz widerum angezweifelt, widerlegt etc. werden. Um eine Problemlösung herbeizuführen, müssen Regeln beachtet werden, die eine Debatte inhaltlich regeln.

3 der wichtigsten Regeln

  1. onus respondi
    Pflicht zur Antwort: Auf einen Zweifel darf nicht wieder ein Zweifel folgen
  2. onus demonstrandi
    wenn auf eine Behauptung ein Zweifel folgt, darf daraufhin die Behauptung nicht einfach wiederholt werden. Die Behauptung muß bewiesen werden!
  3. onus specificandi
    die Pflicht, genau zu sein !

5.41 Schopenhauers Eristische Dialektik

Das Ziel der geregelten und strukturierten Debatte ist es, ein Problem zu lösen. Die Bedeutung eines Arguments ist abhängig von dessen Wahrheit und Rolle im Problemlösungsprozeß, nicht von der Person desjenigen, der das Argument vorbringt. Im Gegenteil dazu ist Schopenhauers Analyse der Debatte durch die Erkenntnis geprägt, daß es in einer Debatte nicht vorrangig um den diskutierten Inhalt, sondern um das rüsichtslose Durchsetzen der eigenen Meinung geht. Die Eristische Dialektik beschäftigt sich daher auch nicht mit einem Regelwerk, das die Debatte strukturiert, sondern mit den Kunstgriffen, die das Durchsetzen der eigenen Argumente ermöglichen.
Schopenhauers Eristische Dialektik basiert auf der unvernünftigen Eitelkeit des Menschen, die stets darauf abzielt, die eigene Person im besten Licht erscheinen zu lassen. Obwohl Schopenhauer sich eingehend mit der Dialektik beschäftigte, distanzierte er sich später wieder vom eigenen Werk, da sich die Eristische Dialektik nur mit der eitlen und verabscheuungswürdigen Seite des Menschen beschäftige.

Basis aller Dialektik
Eine vom Gegner aufgestellte These kann mit 2 Modi und 2 Wegen widerlegt werden:

DIE MODI:

  1. ad rem:
    es wird gezeigt, daß der Satz nicht mit der Natur der Dinge, der absoluten objektiven Wahrheit, übereinstimmt.
  2. ad hominem:
    es wird gezeigt, daß der Satz nicht mit anderen Behauptungen und Einräumungen des Gegners, d.h. mit der relativen subjektiven Wahrheit, übereinstimmt.
DIE WEGE:
  1. direkte Widerlegung:
    Die These wird in ihren Gründen angegriffen; es wird gezeigt, dass sie nicht wahr ist. Entweder kann aufgezeigt werden, daß die Gründe der Behauptung des Gegners falsch sind oder aber die Form des Schlusses, die Konsequenz.
  2. indirekte Widerlegung:
    Die These wird in ihren Folgen angegriffen; es wird gezeigt, dass sie nicht wahr sein kann.
Die Kunstgriffe der Debatte
  1. Die Erweiterung
    Die Behauptung des Gegners ausweiten, möglichst allgemein deuten, in möglichst weitem Sinne nehmen und übertreiben: je allgemeiner eine Behauptung wird, desto angreifbarer wird sie.
  2. Die Homonymie nutzen
    um die aufgestellte Behauptung auch auf das auszudehnen, was außer dem gleichen Wort nichts oder wenig mit dem Thema der Debatte zu tun hat und dies dann zu widerlegen.
    Homonyma: Begriffe, die durch dasselbe Wort bezeichnet werden, z.B. tief, schneidend, hoch (für Töne und Körper gleichermaßen benutzt).
  3. Relatives allgemein nehmen
    oder wenigstens in einer ganz anderen Beziehung auffassen und die These dann in diesem Sinn zu widerlegen.
  4. Führe die Sache von Weitem herbei
    um dem Gegner keinen Angriffspunkt für die eigenen Schlüsse zu geben.
  5. Zum Beweis eines Satzes falsche Vor-Sätze gebrauchen
    wenn der Gegner die wahren nicht zugeben würde: Das Wahre kann auch aus falschen Prämissen folgen; das Falsche jedoch nicht aus wahren.
  6. Die versteckte petitio principii
    Das, was zu beweisen ist, wird unter anderem Namen postuliert und daraus wieder umgekehrt gefolgert.
  7. Viel und weitläufig fragen
    um das, was man eigentlich zugestanden haben will, zu verbergen. Die eigene Argumentation dagegen schnell vortragen, damit der Gegner nicht folgen kann und etwaige Lücken in der Beweisführung übersieht.
  8. Den Gegner zum Zorn reizen
    Im Zorn ist der Gegner außerstande, richtig zu urteilen und seinen Vorteil wahrzunehmen. Man bringt ihn in Zorn dadurch, daß man ihm unverhohlen Unrecht tut, ihn schikaniert und überhaupt unverschämt ist.
  9. Die Reihenfolge der Fragen durcheinanderbringen
    Die Fragen nicht in der Reihenfolge bringen, die der daraus zu ziehende Schluß erfordert, sondern durch Vertauschen der Fragen den Gegner verwirren. Er kann so nicht das Ziel voraussehen; seine Antworten können zu verschiedenen Schlüssen benutzt werden, sogar zu entgegengesetzten.(verwandt mit Kunstgriff 4)
  10. Das Gegenteil von dem behaupten, was man bejaht haben will
    Wenn man merkt, daß der Gegner die eigenen Sätze absichtlich verneint, dann ist das Gegenteil von dem zu fragen, was man bejaht haben will.
  11. Zustimmung voraussetzen
    Hat der Gegner einzelne Fälle zugestanden, muß er nicht mehr gefragt werden, ob er auch die aus diesen Fällen folgende allgemeine Wahrheit zugebe: Sie wird einfach als ausgemacht und zugestanden eingeführt. Oft wird der Gegner selbst glauben, sie bereits zugegeben zu haben.
  12. Namensgebung beachten und benutzen
    Der Gegenstand einer Debatte kann gleich so bezeichnet werden, daß es die eigenen Behauptungen begünstigt. Sprache kann hier zum eigenen Vorteil tendenziös benutzt werden, z.B. 'Glaubenseifer' vs. 'Fanatismus', 'in Gewahrsam bringen' vs. 'einsperren'.
  13. Zu einem Satz, den man angenommen haben will, das Gegenteil geben und grell ausmalen
    Um nicht paradox zu wirken, muß der Gegner in diesem Fall auf den eigenen, eher moderaten und vernünftigen Vorschlag eingehen.
  14. Täuschung des Anderen durch Annahme des Nicht-Grundes als Grund
    Ein unverschämter Zug ist es, wenn man nach mehreren Fragen, die der Gegner beantwortet hat, ohne daß die Antworten zu Gunsten des eigenen Schlusses ausgefallen wären, dennoch den angestrebten Schlußsatz als dadurch bewiesen aufstellt und triumphierend die Debatte beendet. Dies wird besonders durch einen dummen oder schüchternen Gegener und viel eigene Unverschämtheit und eine gute Stimme begünstigt.
  15. Dem Gegner die eigene Argumentationsschwäche unterschieben
    Hat man selbst einen paradoxen Satz aufgestellt, um dessen Beweis man verlegen ist, so kann man dem Gegner einen ähnlich paradoxen Satz zur Annahme oder Verwerfung vorlegen und ihn aufgrund des Ergebnisses ad absurdum führen.
  16. Gegen die Person argumentieren
    Bei einer Behauptung des Gegners kann gesucht werden, ob sie irgendwie, nötigenfalls auch nur scheinbar, im Widerspruch steht zu irgendeinem Satz, den er früher bereits gesagt oder zugegeben hat. Insbesondere die Person des Gegners kann so zur Zielscheibe werden: Verteidigt er z.B. den Selbstmord, so schreie man gleich: 'Warum hängst du dich nicht auf?'
  17. Rettung durch feine Unterschiede
    Wird man selbst durch einen Gegenbeweis bedrängt, ist häufig die Rettung durch eine feine Unterscheidung möglich, die man vorher meist nicht bedacht hat.
  18. Den Lauf der Dinge unterbrechen
    Merkt man, daß der Gegner eine Argumentation vertritt, die besser ist als die eigene, kann der Gang der Debatte rechtzeitig unterbrochen werden: Unterbrechung, Themenwechsel oder Ablenkung.
  19. Allgemein bleiben
    Fordert der Gegner ausdrücklich dazu auf, gegen irgend einen bestimmten Punkt seiner Behauptung etwas vorzubringen, und sind auf der eigenen Seite keine passenden Argumente zu finden, ist die Behauptung ins Allgemeine zu ziehen und so anzuzweifeln.
  20. Hat der Gegner bereits einige Behauptungen zugegeben, so kann man leicht selbst einen Schluß daraus ziehen und diesen als bereits bewiesen gelten lassen.(siehe Kunstgriff 11)
  21. Auf Gegenargument bestehen
    Bei einem nur scheinbaren oder sophistischen Argument des Gegners, das leicht zu durchschauen ist, nicht die Auflösung der Scheinbarkeit anstreben, sondern das Argument mit einem Gegenargument beantworten. Es kommt nicht auf die Wahrheit, sondern auf den Sieg an.
  22. Dem Gegner eine petitio principii unterstellen
    Fordert der Gegner, daß etwas zugegeben wird, aus dem das diskutierte Problem unmittelbar folgen würde, so lehne man es ab, indem man es als eine petitio principii (s. Kunstgriff 6) ausgibt. Der Gegner und die Zuhörer werden einen dem Problem nahe verwandten Satz leicht als mit dem Problem identisch ansehen.
  23. Den Gegner zur Übertreibung reizen
    Der Widerspruch und der Streit reizen zur Übertreibung der Behauptung. Der Gegner kann also durch Widerspruch dazu gebracht werden, seine eigentlich wahre Behauptung über die Wirklichkeit hinaus zu steigern. Widerlegt man die Übertreibung, sieht es so aus, als habe man die eigentlich wahre ursprüngliche Behauptung widerlegt.
  24. Konsequenzmacherei
    Man erzwingt aus dem Satz des Gegners durch falsche Folgerungen und Verdrehungen Sätze, die nicht darin liegen und gar nicht die Meinung des Gegners sind. Durch solch absurden oder gefährlichen Sätze kann eine indirekte Widerlegung des eigentlichen Satzes erreicht werden.
  25. Es bedarf einer großen Anzahl Fälle, um einen allgemeinen Satz aufzustellen, hingegen nur einer einzigen Ausnahme, um den allgemeinen Satz zu kippen.
  26. retorsio argumenti
    Das Argument des Gegners gegen ihn verwenden. Beispiel: A:'es ist ein Kind, man muß ihm was zu Gute halten' retorsioB:'eben weil es ein Kind ist, muß man schlechte Angewohnheiten früh schelten'
  27. Nachbohren
    Wenn der Gegner unerwartet böse wird, immer weiter nachbohren, da er nicht nur in Zorn versetzt wird, sondern an dieser Stelle auch ein Schwachpunkt seiner Argumentation vermutet werden muß.
  28. Die Lacher auf seine Seite ziehen
    Hauptsächlich anwendbar, wenn Gelehrte vor Ungelehrten streiten: Es wird ein ungültiger Einwurf vorgebracht, dessen Ungültigkeit aber nur vom Sachkundigen erkannt wird - dies ist zwar der Gegner, die Hörer hingegen nicht. Der Gegner kann so in den Augen der Zuhörer geschlagen werden, vor allem, wenn der Einwurf die Behauptungen des Gegners irgendwie lächerlich erscheinen läßt. Zum Lachen sind die Leute gleich bereit, man hat die Lacher auf seiner Seite. Um die Nichtigkeit des Einwurfs zu zeigen, müßte der Gegner erst den langwierigen Nachweis der Ungültigkeit des Einwurfs führen, wozu er sich nur schwer Gehör verschaffen kann.
  29. Statt Gründe Autoritäten einführen
    Statt der Gründe werden Autoritäten zitiert, die der Gegner respektiert. Je beschränkter die Kenntnisse und Fähigkeiten des Gegeners sind, desto mehr gültige Autoritäten gibt es für ihn. Auch scheinbar passende, verdrehte, verfälschte oder erfundene Autoritäten können aufgeführt werden. Autoritäten, die der Gegner gar nicht versteht, wirken oft am meisten.
  30. Ist das eigene Ansehen höher als das des Gegners, erkläre man sich mit feiner Ironie als inkompetent. Die Behauptung des Gegners erscheint dadurch den Zuhörern als Unsinn.
  31. Gegenargument in eine nachteilige Kategorie einordnen
    Eine Behauptung des Gegners kann dadurch verdächtig gemacht werden, daß man sie in eine verachtete Kategorie einordnet und damit implizit behauptet, sie sei bereits widerlegt.
  32. Die Gründe zugeben, die Folgen leugnen
    Durch diese Behauptung wird die Theorie des Gegners umgeworfen, denn was in der Praxis falsch ist, muß auch in der Theorie falsch sein.
  33. Statt durch Gründe auf den Intellekt, durch Motive auf den Willen wirken
    Das Interesse des Gegners und der Zuhörer ausnutzen: Kann man dem Gegner klarmachen, daß seine Meinung seinen Interessen widerspricht, wird er sie sehr schnell aufgeben. Vertritt ein Geistlicher z.B. ein philosophisches Dogma, betont man die Unvereinbarkeit dessen mit einem Grunddogma der Kirche.
  34. Den Gegner durch sinnlosen Wortschwall verblüffen
    Der Kunstgriff beruht darauf, daß hinter Worten immer auch ein Sinn vermutet wird. So kann man mit ernsthaft vorgebrachtem Unsinn durchaus Erfolg haben.
  35. Hat der Gegner zwar in der Sache recht, zur Begründung aber einen schlechten Beweis gewählt, kann der Beweis leicht widerlegt werden und dadurch die gesamte Theorie des Gegners ins Wanken gebracht werden.
  36. Merkt man, daß man verlieren wird, werde man persönlich, beleidigend, grob. Vom objektiven Gegenstand der Debatte wird Abstand genommen, die Person des Gegners wird angegriffen und gekränkt.

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