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3. Das Wissen des Entwerfers

Komponenten der Entwerferwissens:
  1. Zentrale Wissenskomponente: Das Entwerfen
    Die Architektin / der Architekt deckt viele Teilbereiche seines Fachs ab. Bei einer historischen Betrachtung des Berufsbildes fällt allerdings auf, daß im Laufe das Zeit viele Fachbereiche an weitere Berufsgruppen abgegeben werden. Als Beispiele werden in der Vorlesung der Heizungsbau, die Klimatechnik, Logistik, Wissen über Materialtypen und spezielle Bautypen genannt. Die Ausgliederung bzw. Übergabe dieser Fachgebiete vollzieht sich - gemessen an Kompetenzkonflikten in anderen Branchen - mit erstaunlicher Großzügigkeit. Dieser Großzügigkeit kann damit erklärt werden, daß die jeweils ausgegliederten Bereiche nicht zum Kern des 'architektonischen Anliegens' gehören: Der künstlerischen Oberleitung.
  2. Das Wissen vom Menschen, dem menschlichen Verhalten und der dienenden Funktion der Gegenstände.
  3. Kenntnisse über Materialien und Verarbeitungswege.
  4. Die Fähigkeit, Ideen adäquat darstellen zu können. Diese Qualifikation beansprucht einen wesentlichen Teil der architektonischen Ausbildung.
  5. 'Merker sein und Macher'. Sensibilität führt zu frühen Wahrnehmungen und zu rechtzeitigem Unbehagen.
  6. Kulturelles Wissen
  7. Das Wissen vom Scheitern

3.1 Das Konzept der Variablen

Der Entwurfsprozeß kann verstanden werden als die Formulierung bzw. die Beendigung einer mathematischen Gleichung oder eines bislang unvollständigen Satzes. Das Bild der mathematischen Gleichung hilft, die verschiedenartigen Variablen zu unterscheiden, die den Entwurf bestimmen.

Variablen, die den Entwurfsprozeß bestimmen:

  1. Design-Variable (Entwurfsvariable): Dinge, die im Einflußbereich des Designers liegen
  2. Kontext-Variable: Alles, was der Entwerfer nicht beeinflussen kann oder will. Wir erfahren, daß es von großem Nutzen sein kann, diese Nicht-Beeinflußbarkeit stets anzuzweifeln und ggf. Kontext-Variablen zu Design-Variablen werden zu lassen. Vermeintliche Sachzwänge werden mitunter von Entscheidungsmüden als Entschuldigung herangezogen. Hier ist jedoch Sensibilität für "Machbarkeit" gefragt: Kontextvariablen wie etwa die Gravitation sind schwerer antastbar als etwa behördliche Vorgaben.
  3. Performance-Variablen (Gütemaße): Geben Auskunft über die Qualität des Entwurfs
Das Paradigma des Entwurfs (nach Rittel)

Die Bedeutung, die den einzelnen Entwurfsvariablen im Prozeß des Entwerfens zukommt, kann in einem Schema verdeutlicht werden:


k: Kontextvariable
d: Designvariable
p: Bewertungsvariable (engl.:'performance')

Aus der Grafik werden verschiedene Zusammenhänge deutlich:
Die Bewertung eines Entwurfs ist nicht nur die Bewertung dessen Designs, sondern auch eine Bewertung des Entwurfskontext. Die Gesamtperformance läßt sich mit der Formel P=f (pi) beschreiben: Die Gesamtperformance eines Entwurfs resultiert aus der Summe der Einzelperformance-Elemente.
Die Performance-Elemente ergeben sich wiederum aus Kontext- und Designvariablen: pi=f (kj,dk).

3.2 Konstriktionen

(engl.: constraint): Randbedingung, Begrenzung, Einfluß
Wie Konstriktionen Entwurfsaufgaben beeinflussen, zeigt das Beispiel: Beim Entwurf einer Tür müssen verschiedene Konstriktionen beachtet werden, um eine akzeptable Lösung zu finden. Die Konstriktionen 1-9 engen den Lösungsbereich ein. 9 reduziert ihn auf diejenigen Punkte, die auf der Geraden des goldenen Schnitts liegen (blau).

Konstriktionen:
  1. Die Tür darf nicht höher sein als der Raum
  2. Die Tür darf nicht breiter sein als der Raum
  3. Höhe<= 2,10m (3 dominiert 1)
  4. Höhe>= 2,05m
  5. Breite>= 0,90m
  6. Breite<= 0,95m (6 dominiert 2)
  7. maximales Gewicht
  8. maximales Moment am Lager
  9. goldener Schnitt

3.3 Wissensarten

Fragetypen:

3.4 Was ist ein guter Entwurf?

(1) Zum Begriff des Optimums
Als Beispiel dient hier die Ermittlung eines Lösungsbereichs in Anlehnung an 3.2. Der ermittelte rechteckige Lösungbereich wird Grundfläche einer Kostenlandschaft. Im Tal der Kostenlandschaft liegt das 'Optimum': Das Kostenminimum, das den gegebenen Konstriktionen genügt. Ist - wie in diesem Beispiel - die quasi-mathematische Findung einer Lösung möglich, kann im Sinne Rittels nicht mehr von einem 'wicked problem' die Rede sein; Das Problem wurde durch die Akzeptanz von Beschränkungen 'gezähmt'.

Was heißt optimal? Bedingungen, die ein Optimum erfüllen muß:

  1. Es existiert ein wohldefinierter Lösungsraum [L]
  2. Zu jeder Lösung in [L] gibt es ein und nur ein Gütemaß
  3. Es gibt eine wohldefinierte Menge von Konstriktionen K={K1,K2,k3...Kn}
  4. Beweispflicht: Nachweis, daß das Optimum auch ein Optimum ist

(2) Gedankenexperiment zu 'Ist' und 'Soll'

Die beim Entwurf eines Objektes angestrebten Eigenschaften: Die 'Soll-Eigenschaften' bzw. Iant('Ist' antizipiert) sind nicht immer deckungsgleich mit den Eigenschaften des realisierten Prototyps (Ivorh). Beim Vergleich von Ist und Soll können verschiedene Fälle auftreten:



Iant und Ivorh können gar keine (Fall E1) oder nur eine kleine Schnittmenge (Fall E2) aufweisen: Es entsteht die Frage, ob dies positiv oder negativ zu bewerten ist. Im Fall E3 sind Ivorh und Iant deckungsgleich: Der Prototyp entspricht in seinen Eigenschaften der ursprünglichen Planung; er enthält alle geforderten Merkmale und ist somit kontrollierbar. Der Fall E4 tritt ein, wenn der Prototyp alle geforderten und darüber hinaus noch weitere (positive?) Eigenschaften aufweist. In Fall E5 deckt Ivorh nur einen Teil von Iant ab: Der Prototyp enthält keine Eigenschaften, die nicht vorhergesehen waren, allerdings wesentlich weniger als in der Planung antizipiert.

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