CandyPolis                                                       1999-03-31

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Stegreifentwurf parallel zum Seminar Tektonik/Atektonik
WS 98/99, Prof. Hans Frei

Die ursprüngliche Aufgabe des Entwurfs war eine Garage, ein Raum der individuellen Entfaltung und Freiheiten. Ein Raum, der durch die menschliche Energie, die er auf eine besondere Art und Weise einschließt, transformiert wird und sich in ein Projektil verwandelt. Die Garage übernimmt in dieser Deutung als letzter Rückzugsort eine wichtige Funktion: Sie ist der Raum, der vollkommen durch das menschliche Individuum geformt wird und wiederum einen eigenen, sehr persönlichen Einfluß ausübt.

Das Material der Garage besteht aus verschiedenen Glasarten. Im Verlauf des Seminars wurden verschiedene tektonische Gestaltungsansätze diskutiert, die ihrerseits den Entwurf beeinflußt haben. Das Material Glas ist von besonderer Bedeutung für die Tektonik, da es ähnlich wie Ende des 19. Jahrhunderts die Wahrnehmung von Schwere, Masse und Materialität tiefgreifend verändert. In wiefern kann Glas in tektonischer Hinsicht eingesetzt werden und was sind die Folgen für die Architektur?

Der von mir entworfene Glaspavillon besteht vollkommen aus Glas. Verknüpft mit der Schneckenhaus-Form bildet er eine Antwort auf die Entwurfsidee: Die Garage soll als Zentrum des Rückzugs einen im innersten Kern meditativen Raum schaffen, der es erlaubt, die Umgebung nie ganz zu verlassen und dennoch von ihr getrennt zu sein. Glas erlaubt Variationen eines Basismaterials und kann so viele verschiedene Zustände annehmen. Der von mir angestrebte graduelle Rückzug ins Innere des Gebäudes kann sowohl durch unterschiedliche Transparenz des Materials als auch durch Überlappen mehrerer dünner Schichten und Reflexionen umgesetzt werden. Das Schneckenhaus enthält in seiner Form bereits implizit diese Möglichkeiten und bildet gleichzeitig eine in sich geschlossene und ruhige Fassade. Die Wege im Inneren der Schnecke beinhalten eine physische Entfernung des Individuums vom umgebenden Geschehen: das Zentrum ist gleichzeitig nah und entfernt, da es nur durch die von der Form vorgegebenen gewundenen Wege erreichbar ist. Die Oberseite der Form besteht aus anderen Materialien als die Seiten: Während im Dachbereich ein Verlauf von opak nach transparent das Innerste nach oben öffnet, sorgt ein Verlauf von transparent zu opak in den Seitenwänden für einen allmächlichen Rückzug in ein privates Innerstes. Im Verlauf der Schneckenform gräbt sich die Glasgarage in den Boden ein und verdeutlicht die Schwere und physische Qualität des Materials. Gleichzeitig nimmt im Dachbereich die Transparez zu und zeigt Glas in seiner Immaterialität. Vom Innenraum aus sind Erde und Himmel zu spüren und begleiten den Weg in das kleine Atrium im Zentrum der Schnecke, das als Konsequenz des Weges kein Dach mehr hat und nur noch Bezug zur Erde besitzt.

Obwohl Glas aufgrund seiner Durchsichtigkeit im klassischen Sinne keine tektonische Materialität aufweist, besitzt es doch eine Schwere, die in der Architektur spielerisch behandelt werden kann. Im Fall dieses Entwurfs verbinden sich Kunst- und Kernform zu einem verschmolzenen Ganzen. Das Glas stellt klar seine Schwere zur Schau und spielt dennoch mit Transparenzen. Maske und Konstruktion kollabieren zu einer neuen Einheit, die wiederum tektonisch behandelt werden muß, um ihre vielfältigen Eigenschaften in eine architektonische Form zu fassen und ihren Reiz zu entfalten.

                                                                      ©and¥