BPS I: Restauratorin
WS 1997 / 98

(18.Jul bis 05.Dez)

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Postscript gezippt / 13 DIN A4 Seiten

Praktikumsbericht Restaurierung

RestauratorIn

Die Bedeutung des Denkmalschutzes für die Erhaltung des Kulturerbes einer Region ist erst seit zwei Jahrzehnten allgemein anerkannt. Durch die Kulturhoheit der Bundesländer sind für den Denkmalschutz vor allem die Denkmalschutzgesetze der Länder von Bedeutung, die erst seit den siebziger Jahren existieren. Die Ziele des Denkmalschutzes erfordern neben finanziellen Mitteln auch Sachverständige, die im konkreten Fall über die Substanz erhaltungswürdiger Objekte urteilen und so die Grundvoraussetzung für die Erhaltung und Restaurierung schaffen. Diese Aufgabe übernimmt die / der RestauratorIn.

Der Beruf der Restauratorin / des Restaurators ist noch sehr jung, daher gibt es in Deutschland noch keine exakt geregelte Ausbildung. Obwohl in den letzten Jahren an einigen Hochschulen Studiengänge zur Ausbildung von RestauratorInnen installiert wurden, kommen diejenigen, die heute beauftragt werden, Maßnahmen an Kunstwerken und kulturhistorischen Objekten durchzuführen, meist aus anderen Handwerksberufen. Die Aufgaben der Restauratorin / des Restaurators sind vielfältig: Neben Metall-, Buch-, Gemälde- und Steinrestaurierung gewinnt zunehmend die Gebäuderestaurierung an Bedeutung. Da jedes der Aufgabenfelder ein eigenes umfangreiches kunsthistorisches und methodisches Wissen erfordert, sind RestauratorInnen oft nur in einem speziellen Teilbereich tätig. Meine Praktikumserfahrung als Restauratorin möchte ich exemplarisch anhand der Darstellung eines Arbeitsschritts einer Gebäudesanierung - der bauhistorischen Untersuchung - dokumentieren.

Die Restaurierungswerkstatt Keßler / Kassel

Die Restaurierungswerkstatt Keßler, die mich während der Zeit meines Praktikums ausbildete, wird geleitet von Jürgen G. Keßler, akad. Maler und Restaurator. Als freier Mitarbeiter ist neben Herrn Keßler noch Wolfgang Petzholdt, ebenfalls Restaurator, in der Firma Keßler tätig. Je nach Auftragsvolumen schwankt die Zahl weiterer Mitarbeiter und Praktikanten.

Auftraggeber der Firma Keßler sind meist das Amt für Denkmalpflege des Landes Hessen oder Thüringen bzw. andere untergeordnete Denkmalschutzbehörden. Dementsprechend sind die Baustellen der Firma auch verstreut und zum Teil relativ weit von Kassel entfernt. Die Art der Aufträge erstreckt sich über ein breites Tätigkeitsspektrum. Die Firma Keßler übernimmt die Restaurierung alter Wandgemälde ebenso wie die Restaurierung von historischen Fassadengestaltungen, Bauteilen, Möbeln, Bildern und Rahmen.

Neben künstlerischen Aufgaben werden von der Restauratorin / dem Restaurator vor allem analytische Fähigkeiten gefordert, da er meist über den Zustand historisch bedeutsamer Objekte urteilen muß. Dies erfordert ein umfangreiches kunsthistorisches Wissen zum einen und viel praktische Erfahrung zum anderen. Gerade in der Gebäuderestaurierung ist das Wissen über historische Bauweisen, Materialien und besonders regionale Besonderheiten von großer Bedeutung.

Währed meines Praktikums habe ich an vielen verschiedenen Aufgaben mitgearbeitet, die zusammengenommen ein Bild der vielfältigen Tätigkeiten eines Restaurators ergeben:

Die Bauhistorische Untersuchung

Die bauhistorische Untersuchung ist eine vorläufige Befunduntersuchung bzw. eine Bestandserfassung eines Gebäudes, das auf seinen Zustand hin untersucht werden soll. Es wird festgestellt, ob und wie die Substanz des Objektes erhalten werden kann. Die bauhistorische Untersuchung ist somit Grundlage aller weiteren Entschlüsse, die das Gebäude betreffen und über dessen weiteres Schicksal entscheiden. Obwohl die Sanierung des Gebäudes eigentlich im Aufgabenbereich des Architekten liegt, hat dieser oft nicht das erforderliche kunsthistorische Wissen, um das Gebäude unter Berücksichtigung der vorhandenen Substanz schonend zu sanieren.

'Jeder Versuch, die Lebensdauer historischer Bauwerke zu verlängern, ist mit dem Risiko verbunden, daß sie dabei ihren besonderen Charakter als Zeugnisse der Geschichte verlieren; dieser Gefahr kann man wirksam nur begegnen, wenn man vor jeder Entscheidung über Eingriffe und Veränderungen den Bestand mit all seinen individuellen Eigenschaften und Merkmalen kennenlernt, d.h. sorgfältig untersucht, dokumentiert und beurteilt.' (Wolf Schmidt)

Die Untersuchung und Dokumentation des Bestands sind die Aufgabe des Restaurators, der aufgrund seines Fachwissens ein detailliertes Bild des Gebäudezustands sowie des ursprünglichen Bauwerks abgeben kann. Darauf aufbauend kann ein Architekt einen konkreten Sanierungsvorschlag einbringen, der den historischen Wert des Gebäudes so wenig wie möglich mindert und gleichzeitig den Erhalt und die weitere Nutzung ermöglicht.

Da es keine verbindlichen Richtlinien für die Methoden der Bestandsaufnahme an historischen Objekten gibt, sind die verwendeten Verfahren unterschiedlich. Die Firma Keßler hat eine eigene Form der Untersuchung entwickelt, die einen kompakten und dennoch genauen überblick über das Bauwerk erlaubt und für den später hinzugezogenen Architekten leicht handhabbar ist.

Bauhistorische Untersuchung eines Fachwerkhauses in Treffurt (Wartburgkreis)

Ziel der Untersuchung ist eine Bestandserfassung der erhaltenen Fachwerkkonstruktion sowie vorhandener historischer Ausstattungsstücke, Besonderheiten und gesicherter Farbfassungen durch fotografische und zeichnerische Mittel sowie deren Beschreibung und Lokalisierung innerhalb von Grundrißskizzen. Nach einer ersten Begehung des Gebäudes kann bereits eine allgemeine Einschätzung vorgenommen werden.
Ein Auszug aus dem späteren Bericht:

'Bei dem Fachwerkhaus handelt es sich um einen dreigeschossigen Stockwerkbau aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Laut Datierung des Büros für Bauten- und Kunstgutforschung / Erfurt datiert das Fachwerkhaus aus dem Jahr 1546 / 47 (Dentrochronologische Untersuchung). Das Gebäude ist über einen tonnengewölbten Keller sowie einem unverputzten Sandsteinsockel errichtet unter nachgewiesener Verwendung wesentlich älteren Balkenmaterials (z.B. Dachwerk-Ständer von 1448). Es besitzt eine giebelständige Ausrichtung (Ost / West); mehrere bauliche überformungen sind partiell nachweisbar.' (Jürgen G. Keßler)


Die Fassade des Fachwerkhauses zur Straßenseite (Westgiebel)

Der wesentliche Teil der bauhistorischen Untersuchung ist die genaue Aufnahme des Gebäudes. Dazu gehören Grundrisse, Fassadenansichten und bauliche Details, die zeichnerisch und fotografisch festgehalten werden.

'Für die meisten Gebäude liegen keine Baupläne mehr vor. Fehlen sie, müssen sie erarbeitet, sind sie vorhanden, gewissenhaft überprüft und ergänzt werden. Bestandspläne sind vor allen technische Pläne. Sie müssen stimmen und vollständig sein. In Ausnahmefällen bei wervollen Baudenkmälern steht die gestalterische, zeichnerische Dokumentation des Bauwerks im Vordergrund einer Bestandsaufnahme. Eine Bestandsaufnahme ist vor allem ein Werkplan, der bewußt alle technischen Daten beinhalten muß, die man braucht, um die Planung der Baumaßnahme, ob Umbau, Restaurierung oder Instandsetzung etc., durchführen zu können.' (Otfried Rau, Ute Braune)

Da für das Fachwerkhaus in Treffurt vor allem die Konstruktion von Bedeutung ist, muß beim Aufmaß besonders auf Hinweise geachtet werden, die auf spätere Veränderungen des Hauses schließen lassen. Wichtige Hinweise sind vor allem die Fachwerkverbindungen; je nach Epoche wurde die Verbindung der einzelnen Balken mit unterschiedlichen Techniken ausgeführt, die jeweils eigene typische Merkmale besitzen. Teilweise muß aufgrund von Zapflöchern auf vollständig entfernte Bauteile geschlossen werden. Oft ist die Untersuchung des Fachwerks erheblich erschwert, da große Wandflächen verputzt sind und die Lage der Balken nicht sofort ersichtlich ist. In diesem Fall muß die Lage der Balken geschätzt und der Putz an den betreffenden Stellen entfernt werden, um die Vermutung zu bestätigen. Alle Bauteile werden vermessen, fotografiert und in Skizzen festgehalten. Für die vollständige Dokumentation werden die einzelnen Skizzen und Fotos kombiniert, es entsteht ein Bild des ursprünglichen Gebäudes.

Die folgenden Seiten veranschaulichen die Ergebnisse der bauhistorischen Untersuchung in Treffurt (Auszug aus der abschließenden Dokumentation):
-Aus Platzgründen hier nur die Rekonstruktion der Westfassade-

  • Die Rekonstruktion der westlichen Fassade im Originalzustand um 1550
  • Die Aufnahme des heutigen Gebäudezustands. In der Zeichnung wurde die Fassadenverkleidung (Putz bzw. geprägte Zinkblechfliesen) nicht berücksichtigt, die Skizze beschreibt in erster Linie Fachwerk und Konstruktion.
  • Die Konstruktion des Daches: Eine perspektivische Ansicht des Dachstuhls, konstruiert aufgrund von Aufmaß und Fotos.

Bauschäden

Es ist nicht das vorrangige Ziel der bauhistorischen Untersuchung, die vorhandenen Bauschäden zu dokumentieren. Die Untersuchung soll in erster Linie den Befund vollständig erfaßbar machen, um ein weiteres Vorgehen, z.B. die Stabilisierung des Fachwerks, zu ermöglichen. Da der Zustand des Fachwerks allerdings sowohl unter denkmalpflegerischen als auch unter konstruktiven Gesichtspunkten von großer Bedeutung ist, muß bei der Analyse des Balkenwerks besonders sorgfältig gearbeitet werden.

'Fachwerk ist nicht nur eine besonders schöne, sondern zugleich eine sehr dauerhafte Bauweise. Besteht es gar aus Eichenholz, wird es nur durch Feuer und menschliche Dummheit gefährdet. Es ist erstaunlich, wieviel bedenkliche Engriffe in die Konstruktion das Fachwerk geduldig ertragen hat. Zu allen Zeiten hat man Kopfbänder abgesägt, Riegel entfernt, Unterzüge beseitigt oder Stützen ihrer Sattelhölzer und Kopfstreben beraubt, weil man Türen einbrechen, Fenster vergrößern, die Kopffreiheit verbessern oder gelegentlich auch nur Nutzholz gewinnen wollte. Und dennoch kam es nur sehr selten zum Einsturz, eher schon zu beachtlichen Verformungen. Der große Vorteil liegt eben in der Elastizität der Konstruktion, die bei gedankenlosem Entfernen eines tragenden Gliedes die Kräfte auf ein anderes verlagert.'

Auch im Fall des Fachwerkhauses in Treffurt wurde die Fassade im Lauf der Jahrhunderte mehrfach überformt. Neue Fenster und Türen wurden eingefügt; der gesamte Giebel besteht weitgehend nicht mehr aus der Originalsubstanz. Fehlende Teile des Gebäudes können allerdings aufgrund von offenen Zapf- und Nagellöchern gut rekonstruiert werden. Auffällig ist die Unachtsamkeit, mit der im Laufe der Zeit spätere Veränderungen vorgenommen wurden: Oft wurde die Tragfähigkeit des Fachwerks nicht berücksichtigt und die Standsicherheit des gesamten Gebäudes durch unterdimensionierte Ständer und Streben gefährdet. Ursprünglich wurde als Material für die Balken ausschließlich Eichenholz verwendet, das durch seine Härte, Widerstandsfähigkeit und besondere Bearbeitung dem Fachwerk eine außergewöhnliche Stabilität und Dauerhaftigkeit verleiht. Später eingefügte Teile bestehen meist aus weicheren und kurzlebigeren Materialien (Weichholz), die die Qualität und Sicherheit des Fachwerks mindern.

Eine Vielzahl weiterer typischer Bauschäden kann an Fachwerkhäusern auftreten, ein großer Teil der unten aufgeführten Mängel trifft auch auf das Fachwerkhaus in Treffurt zu.

'Dachmängel
  • Ortgang, Traufe, Rinne, Fallrohre, Dachanschlüsse, Anschlüsse zu Dachaufbauten wie Gauben, Dachfenster, Dachkehlen, Gebäudeanschlüsse
  • Ortgang und Traufgesims (schlechte bzw. faule Stellen, Fehlstellen, verschoben, abgesunken) Holzteile an der Fassade
  • Funktionsfähigkeit der tragenden, versteifenden, formbewahrenden und füllenden Holzteile
  • Nässe, Fäulnis, Trockenfäule
  • Pilzbefall
  • Schwammbefall
  • Insektenbefall
  • Bruchstellen, seitwärts schiebende Teile, Absenkungen
  • Klaffende Stöße und Holzverbindungen, offene Stöße, eindringendes Wasser
  • Anschlüsse an Fenster, an Fensterbänke, an Futter und Bekleidungen, an den Sockel und an andere Mauerteile, an Nachbargebäude

Fachwerkfelder - Putz und Anstrich

  • Gelöste Putzteile, verfaulte Putzteile, freiliegende Lehmfelder und Lehmteile
  • Offene Fugen zwischen Putz und Holz, überputzte Holzteile, Abplatzen des Putzes, offene Fugen bei Ziegelmauerwerk
  • Verwitterter Anstrich auf den Fachwerkfeldern, sich lösende, reißende, abschälende Anstrichreste (alte Dispersionen und ähnliches) auf dem Hozwerk
Fachwerkverkleidungen
Schäden an der Verschindelung, nicht hinterlüftete Verkleidung, unsachgemäße Verkleidungen, falsche Oberflächenbemalung, Verkleidungsmaterialien erneuerungsbedürftig, kaputte Fensterbänke

Sockel
Falscher Sockelanschluß an Schwelle, abgefrorene Putzteile, feuchter Putz, feuchte Fundamente, beschädigte Anschlüsse an den Fundamenten, zu hoch angefülltes Gelände, aufgefrorene Fundamente'
(Bild und Text:Otfried Rau, Ute Braune)

Farbe und historische Ausstattungsstücke

Neben der Konstruktion sind im Rahmen der bauhistorischen Untersuchung auch die historische Nutzung und farbliche Gestaltung der Räume zu dokumentieren. Die / der RestauratorIn muß meist mit Vergleichen zu anderen Gebäuden aus der gleichen Stilepoche auf die historische Nutzung schließen. Daraufhin müssen die Vermutungen mit konstruktiven Details oder anderen historischen Fragmenten belegt werden. Im Fall des Treffurter Fachwerkhauses ergaben sich mehrere Vermutungen, die nicht eindeutig belegbar waren: